Neujahrsgeschichten

Geschichten zu NeujahrVor langer Zeit lebte in dem kleinen Gebirgsdorf St. Johann ein Ehepaar mit ihrer zehnjährigen Tochter Gretli. Die Mutter liebte ihr einziges Kind sehr, der Vater jedoch war böse und hartherzig. Oft schlug er Frau und Kind und sein Jähzorn war im ganzen Dorf bekannt und gefürchtet.

Am Neujahrstag besuchte der Vater mit Gretli seinen Bruder im Nachbardorf. Dieser gab den
beiden zum Abschied noch Wein, Brot und Käse mit auf den Weg. Der Aufenthalt hatte jedoch länger als geplant gedauert. Als Gretli und ihr Vater den Heimweg antraten brach schon die Dämmerung herein.

Das arme Mädchen musste den Rucksack mit den Lebensmitteln tragen. Obwohl dem Kind die Last immer schwerer fiel, trieb sie der Vater zu immer größerer Eile an. Der Weg über den Gebirgspfad war sehr beschwerlich und plötzlich fiel das Mädchen hin. Es keuchte und bat um eine kurze Rast, aber der Vater schrie sie an: „Wenn Du nicht gleich aufstehst dann setzt es was!“
Zitternd versuchte Gretli wieder auf die Beine zu kommen, schaffte es jedoch nicht. Da packte eine entsetzliche Wut den bösen Mann. Er prügelte seine Tochter und je mehr sie weinte, desto härter wurden seine Schläge. Es schien, als ob der Leibhaftige in den Mann gefahren war. Er schlug seine Tochter so sehr, dass das arme Kind sein Leben aushauchte.

Als der Mann erkannte was er da getan hatte, packte ihn wilde Reue. Wie wahnsinnig stürzte er davon, trat aber im Gebirge fehl und stürzte sich zu Tode. Drei Tage später fand man seine Leiche, das arme Gretli aber war spurlos verschwunden. Die Mutter wartete viele Monate vergeblich auf ihre Tochter. Niemand konnte ihr sagen was aus Gretli geworden war. Nach einem Jahr starb die junge Frau an gebrochenem Herzen.

Bald nach ihrem Tode begannen sich die Leute im Dorf merkwürdige Dinge zuzuflüstern. Einige glaubten den Geist der armen Gretli gesehen zu haben. So brannten sie das Elternhaus Gretlis, welches am Rande des Dorfes stand, nieder. Damit wollten die Leute den Spuk bannen.
Doch die „Bergjungfer“, wie die Leute die Erscheinung fortan nannten, erschien immer wieder. Jeder, der sie sah, suchte sein Heil in der Flucht.

Jahrzehnte waren ins Land gegangen. Diejenigen, welche Gretli und ihre Eltern gekannt hatten, lebten nicht mehr. Nur noch die Sage erzählte von dem unglücklichen Kind und seinem traurigen Schicksal. Auch die geisterhafte Erscheinung hatte niemand mehr gesehen.

Da wanderte an einem Neujahrstage ein Knabe von etwa zehn Jahren durch Gebirge. Konrad war ein fröhlicher Knabe, der seinen Eltern stets Freude bereitete. Zudem besaß er ein liebevolles und mitleidiges Herz. An diesem Nachmittage wollte der Knabe seinen Freund Georg besuchen. In einem Rucksack hatte er Käse, Brot und eine Flasche Wasser dabei. Auf seinem Weg kam Konrad auch in jene Gegend, in welcher sich die Tragödie mit Gretli und ihrem Vater zugetragen hatte.
Der Junge stieg gerade eine leichte Anhöhe hinauf, als er plötzlich ein leises Weinen vernahm.
Als er oben anlangte, sah er ein schönes Mädchen auf dem Boden liegen. Es war offenbar gestürzt. Ein Rucksack lag neben dem Kind. Im Gras verstreut befanden sich Brot, Käse und einige Weinflaschen.
„Bitte, hilf mir!“, flehte das Mädchen, „ich muss nach St. Johann zurück. Meine Mutter ängstigt sich sicher schon weil ich noch nicht zuhause bin!“
Konrad empfand tiefes Mitleid mit dem schönen Mädchen. Er half dem Kind beim Aufstehen und gab ihm zu essen und zu trinken.
„Ich wohne auch in St. Johann“, sprach er, „aber ich habe Dich dort noch nie gesehen. Wohnst Du erst seit kurzem dort?“
Doch das Mädchen schwieg und beantwortete seine Fragen nicht. Konrad wusste wohl, dass sein Freund Georg über sein Ausbleiben nicht gerade erfreut sein würde. Aber das Mädchen brauchte seine Hilfe dringender.
„Wie heißt Du denn?“, fragte er das schöne Kind.
„Ich werde Dir alles sagen wenn ich wieder daheim bin“, wich das Mädchen aus. Konrad musste ihr Schweigen wohl oder übel akzeptieren.

So gelangten sie nach St. Johann. Es war schon dämmrig geworden. Das Mädchen führte Konrad zu einem Haus, welches am Rande des Dorfes lag. Der Knabe rieb sich verwundert die Augen. Er hatte dieses kleine Häuschen noch nie zuvor gesehen. Trotzdem ging er zur Türe und klopfte an. Diese öffnete sich und eine schöne junge Frau trat heraus.
„Ich bringe Euch Eure Tochter“, sprach der beherzte Knabe, „sie war im Gebirge gestürzt und ich bot ihr meine Hilfe an!“
Da schloss die Frau das Mädchen in die Arme und sprach:“ Mein geliebtes Kind! Niemals mehr habe ich geglaubt dass wir uns wiedersehen!“
Weinend umarmten sich die beiden. Dann blickte das Mädchen Konrad an und sprach: „Ich bin Gretli, jenes unglückliche Kind, welches am Neujahrstage vom eigenen Vater erschlagen wurde. Seither musste mein Geist umherwandeln. Ich hätte erlöst werden können, wenn mich ein gütiger Mensch ins Dorf zurück zu meiner Mutter gebracht hätte. Doch kein Wanderer hatte Mitleid mit mir. Alle gingen vorüber. Du aber hast mich erlöst! Nun ist meine Seele endlich wieder mit der meiner Mutter vereint. Lieber Konrad, ich danke Dir aus ganzem Herzen!“
Gretli küsste den Jungen auf die Stirn. In diesem Augenblick erscholl ein gewaltiger Donner. Als Konrad sich ganz benommen umsah, waren Gretli, ihre Mutter und das Haus verschwunden.

Nun rannte der Junge ganz aufgeregt zu seinen Eltern um ihnen alles zu erzählen. Die aber glaubten ihm nicht. Als der Junge später jedoch seinen Rucksack öffnete um die restlichen Lebensmittel heraus zu holen, stockte ihm der Atem. Weder Käse noch Brot befanden sich darin. Der Rucksack war angefüllt mit den herrlichsten Goldmünzen! Die Bergjungfer hatte ihm seine gute Tat tausendfach vergolten. Da erkannten auch die Eltern, dass ihr Sohn wohl die Wahrheit gesprochen hatte. Fortan führten sie ein reiches und glückliches Leben.

Aber an der Stelle, an welcher Gretlis Elternhaus gestanden hatte, pflanzte Konrad ein Bäumchen.
Und an jedem Neujahrstag zündete er im Gedenken an Gretli eine Kerze an…

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